• Alexandra Schüller

Sommernachtstraum von Westerland


Schon lange arbeitete ich an diesem Eintrag. Meine Sicht auf die etwas andere Seite von Sylts Hauptort Westerland habe ich für Monate in den Winterschlaf geschickt. Blogtechnisch den holprigen schweizer Frühling leicht verschlafen, dabei Ausbau- und Einrichtungsprojekte bespasst. Doch nun, wo ganz Deutschland, inklusive die Nordsee (hoffentlich) allmählich dem Alptraum Corona entschlummert und gen Hoffnung Urlaubsplanung lechzt, ist die Zeit reif für einen Sommernachtstraum...



Sylt tut viel für den Tourismus. Die bedrohten Küstenabschnitte werden seit Jahrzehnten für rund 10 Millionen Euro jährlich, mit der Sandvorspülung vor der stetigen Erosion bewahrt. Und es gibt viel zu tun hier. Wenn man will. Alternativ campen oder 5 Sterne buchen, Urlaub mit Kiteboard und/oder Porsche Cayenne, Sternekoch „Johannes King“ versus Hamburger-Bude „Beach Box“, Kitesurfen in den Wellen, Poloturnier auf Sand, Golfen auf sattem Grün und einfach mal barfuss durch’s Watt stapfen. Und dabei fühlen, wie tausende Lebewesen in einem Kubikmeter Schlamm rumkrabbeln. Längst ist Sylt nicht nur Kurort Dank Reizklima und Reiseziel des nackt badenden Jetsets


Angekommen am Bahnhof in Westerland, wird einem sehr schnell bewusst, dass gerade hier einiges in stilistischer und baulicher Hinsicht - naja, sagen wir mal - in Vergessenheit geriet. Der Versuch, ankommende Inselbesucher mit “moderner Kunst” in Form der “grünen Riesen”, die sich im Winde zu neigen scheinen, stimmig zu begrüßen, ist meiner Meinung nach, auch geschmacklich in deutlicher Schieflage. Aber ja, man kann immer noch sagen, das läge im Auge des Betrachters und ist das Privileg der freien Kunst.


Auf jeden Fall prägten 150 Jahre Fremdenverkehr Westerland so vielseitig, wie keinen anderen Ort auf Sylt.


Wer sich nicht zu sehr vom hiesigen Konsumrausch in Westerlands und zugleich Sylts belebtester Einkaufsstraße, ablenken lässt, entdeckt dennoch stilistische, architektonische Schätze früherer Baukunst. Nichtsdestotrotz zieht es auch mich ab und an in die von Pauschaltouristen verwöhnte Friedrichstraße, mit ihren vielen Boutiquen, Imbissbuden, Souvenirshops, Pubs und Filialen bekannter Ketten, wie sie in jeder Großstadt anzutreffen sind.


In jener Straße lockt mich ein herrlich exotisch duftender Laden herbei. Kaum den Fuß über die Schwelle gesetzt, werden mir schon Dosen mit allerlei wohlriechenden Kräutermischungen unter die Nase gehalten. Mit geheimnisvollem Blick und ebenso exotischem Aussehen, reicht mir ein Mann einen Probierbecher mit Tee, dessen Mischung den Namen “Sylter Sommernachtstraum” trägt. Ich koste und lasse mich von Geschmack und Aroma verzaubern. Hier gibt es gegen jedes physische und psychische Leiden eine Lösung! Melodisch klingende Tee-Sorten wie “Sylter Sahne, Mond und Sterne”, “Sylter Schmerz-Weg” und “Sylter Fliederbeeren Erdbeeren” lesen sich von den Etiketten. Mit 6 Teekräuter-Päckchen und einem Tee gegen Demenz (Name vergessen, muss den schleunigst anbrauchen) reihe ich mich in den dichten Touristenstrom ein. Und schlendere Richtung Uferpromenade. Das Aroma frisch gebackener Eiswaffeln steigt in meine Nase und meine Gedanken verlaufen sich in eine Zeit, als hier noch edle Bädervillen die Strandpromenade zierten...und die Friedrichstrasse noch von Sand bedeckt war.





Wir schreiben die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts. Westerland zählt zu den mondänen Seebädern seiner Zeit. Thomas Mann, Marlene Dietrich und Richard Strauss stillen hier ihre Sehnsucht nach Inspiration, Erholung, Meer und Strandkörben.


Verschiedene Merkmale von Klassizismus, Historismus und Jugendstil mischen sich und zeugen von dem unverkennbaren Stil der Bäderarchitektur.


Zwei- bis viergeschossige, meist weiss gestrichene Bädervillen, sogenannte “weisse Perlen”, schmücken Wege und Kurpromenade. Rundbögen, geschweifte Giebel und Türmchen schliessen die Dachgeschosse ab. Oft aus Holz gebaut, filigran in ihren Formen und mit maritimen und floralen Symbolen verziert.


Die Kinder tragen Matrosenstil, die Damen lang, die Herren Schnauzer und Monokel. Eifrigst bauen Gross und Klein Strandburgen zwischen den Strandkörben um die Wette.





Es folgen herausfordernde Jahre...

Das bis heute als einziges seiner Art im Jugendstil erhaltene Traditions-Hotel Miramar, welches als erstes Hotel am Strand von Westerland, 1903 seine Türen öffnete, erzählt von zeitbedingten Schicksalen: Flutwellen, zwei Weltkriegen, Inflation und Hakenkreuz.





Doch schlussendlich zerstörten nicht Bomben im 2. Weltkrieg die alten Logierhäuser, sondern die profitgierigen Bauvorhaben einiger Investoren. Während des Baubooms in den 60er-Jahren wurden die schönsten Häuser der Stadt abgerissen, um unter anderem auch den bis zu 14 Stockwerken zählenden Betonbauten Platz zu machen. In den nachfolgenden Jahren entwickelte sich das westerländer Stadtbild immer mehr zu einem Kaleidoskop von baulichen Verirrungen.


Gerade darum wollen wir einen Einblick in die ehrwürdige Vergangenheit geben. Um die Zeit der Bädervillen ein wenig aufleben zu lassen. Hoffen wir, auch zukünftige Investoren und Bauherren von Westerland lassen sich ebenso inspirieren.



1. Küchen von humphreymunson.co.uk verbinden zeitgemässen Komfort mit klassischem Design. Fotografie von Paul Craig. 2. Kronleuchter aus Kristallglas mit antikem Messing Finish von eichholtz.com. 3. „Heiress“ Sofa von ralphlaurenhome.com. 4. Spiegel mit Blattgold von eichholtz.com . 5. In sorgfältiger Handarbeit geflochten und hergestellt: Strandkorb aus Teakholz vom strandkorbprofi.de. 6. Jugendstil Barwagen im Stil von Adolf Loos, um 1902, Wien. Über 1stdibs.com. 7. The French Bedroom Company bringt klassische Eleganz ins Schlafzimmer. frenchbedroomcompany.co.uk. 8. Von erfahrenen Kunsthandwerkern modelliert: Esstisch „Wallace“ aus Holz und in einer gewachsten schwarzen Ausführung gehalten. Von eichholtz.com. 9. Esstischstuhl „Boca Grande“ von eichholtz.com. 10. Hommage an die traditionellen Öllaternen des 19. Jahrhunderts: Pendelleuchte „Capitol Hill“ von eichholtz.com. 11. & 12. Fliesen-Nostalgie für Nasszonen aller Art: Equipeceramicas produziert widerstandsfähige Platten mit Krakelieroptik per digitaler Drucktechnologie. equipeceramicas.com. 13. Stuhl mit türkisfarbenem Leder bezogen, von Marcel Kammerer für Thonet, 1910. Über 1stdips.com. 14. Typisch Gründerzeit: Ornament Steinzeugfliese von Golem Kunst- und Baukeramik.



Mit herzlichem Dank an Hotel Miramar für Euer wunderschönes Buch mit den nostalgischen Fotografien!



P.S. DasTeelädchen und die genannten Teesorten gibt es wirklich:

Sylter Tee Company, Friedrichstrasse 3 in Westerland.










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